Der klassische Kinofilm liegt darnieder und stirbt und die traditionelle Schweizer Filmförderung muss ihm folgen. Wir brauchen eine neue und zwar eine, die der neuen Realität folgt. Eine Realität, die sich Konvergenz* nennt.
In der kommenden Sommersession werden die eidgenössischen Räte über 148 Millionen Schweizer Franken sprechen für die Förderung eines Systems, das in der alten Form seine Daseinsberechtigung verloren hat.
In den letzten fünf Jahren ist eine regelrechte Revolution über uns hereingebrochen. Man kann sie die YouTube-Revolution nennen.
Wann genau das revolutionäre Momentum einsetzte und wann die neue Ära angebrochen ist, ist schwer zu sagen. Tatsache ist, dass nun seit ein paar Jahren die Kinobesucherzahlen in der Schweiz ungebremst sinken, dass immer weniger Kunden bereit sind, 17.- bis 20.- Franken pro Kinoeintritt zu bezahlen, um sich allenfalls eine lächerliche Brille aufzusetzen, um das sog. 3D-Erlebnis zu haben und dafür einen Tunnelblick in Kauf zu nehmen.
Wir hören, die Kinozahlen seien rückläufig, weil Hollywood gerade einen Streik der Drehbuchautoren hat und darum kaum noch Blockbuster generiert oder weil einfach Grossproduktionen wie James Bond, Lord of the Rings oder Harry Potter fehlen. Kein Wort darüber, warum der Schweizer Film in den Kinos kaum mehr Zuschauer anlockt als an Filmfestivals Fachleute diesen Schweizer Film begutachteten und dann sofort vergessen haben. Begeisterung sieht anders aus.
Ein Michael Steiner allein rechtfertigt keinen "Pacte de l’audiovisuell" mehr, eine Schweizer Filmförderung die nur die in den Verbänden organisierten „Staatsfilmer“ berücksichtigt, trifft den Geist der Zeit nicht mehr. Es braucht einen komplett neuen Ansatz, der der digitalen Entwicklung Rechnung trägt.
Es ist ein Fehler, weiterhin ein Medium mit öffentlichen Geldern zu subventionieren, das am Sterben ist. Investitionen in kaum noch berücksichtigte Events sind falsch. Für das Kino gilt das noch mehr als für andere traditionellen Medien, zumal sich viel versprechende Distributionskanäle anbieten, die sich nach völlig anderen Muster organisieren.
Wir sehen, wie sich eine ganze Generation vom Kino und Fernsehen ab- und sich dem Internet zuwendet. Man nennt sie die ‚Digital Natives’.
Die massive Verhaltensänderung muss von der öffentlichen Hand als Chance wahrgenommen werden. Über Jahrzehnte förderte man eine Struktur und hielt bis zum heutigen Tag daran fest, obwohl sie nun Jahr für Jahr sinnloser wurde. Wenn Kulturförderung nur noch zugunsten derjenigen betrieben wird, die diese Kultur am Publikum vorbei erschaffen, dann gehört sie in den Bereich der Privatinteressen. Weil veraltete Strukturen Innovationen bremsen und verunmöglichen, sind sie als Dinosaurier zu bezeichnen und haben ihren Weg alleine zu Ende zu gehen. Der Staat aber muss sich den neu entstehenden Ressourcen zuwenden, diese fördern und diese bewirtschaften. Nur so sind die neuen Chancen für den sozialen und wirtschaftlichen Wandel wahrzunehmen.
Wir fordern eine neue Filmförderung, die der Tatsache Rechnung trägt, dass der Film sich nicht mehr auf den Kinosaal konzentriert, sondern digitale und transmediale Wege gefunden hat, um sich zu verbreiten. Zudem ist die Zeit des Zurücklehnens vorbei, die Zeit eines aktiven, sich beteiligenden Verhaltens ist angebrochen.
Wir sehen in einem neuen Filmförderungsgesetz eine neue Definition darüber was Film ist und wie kulturelle Inhalte und Werte durch ihn zu transportieren sind. Die neue Ära ist komplett digital. Sie spielt sich überall ab, sei es zu Hause in den Zimmern, Küchen und Badezimmern, auf dem Arbeitsweg, während der Arbeit, auf öffentlichen Plätzen, selten noch im Kino, an Festivals und immer sind es digitalisierte Bilder die über Kabel, Satelliten oder Mobilfunk die Menschen erreichen. Film verdrängt stehende Bilder, geschriebene Texte und entwickelt sich als universelle Sprache.
Wir fordern deshalb eine neue Diskussion, an der sich nicht nur die traditionellen Filmemacher beteiligen, von der nicht nur traditionelle Filmemacher profitieren können, sondern zu der alle Kreise der Bevölkerung eingeladen werden.
Es werden heute in der Schweiz bereits mehr Filmminuten neben der öffentlichen Filmförderung und ohne ihre Unterstützung produziert. Damit diese neue Produktion sich mit der alten vermählen lässt und gegenüber der ausländischen Filmproduktion wettbewerbsfähig wird, muss sie die Akzeptanz durch die staatliche Förderung erhalten.
Es ist Zeit, dass auch in der Schweiz der digitalen Revolution gebührend Rechnung getragen wird. 148 Mio. für den Film ist zu wenig, 100 Millionen pro Jahr garantiert den Anschluss an die Welt: dank universitärer Ausbildung aller Akteure, dank Forschung im Bereich der audiovisuellen Entwicklung, dank Zuschüssen für Inhalte, die der multikulturellen Vielfalt der Schweiz Rechnung trägt.
Biel, im Mai 2011
Bruno Bucher